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Über den Aufbau-Verlag, Bernd Lunkewitz und Adolf von Thadden
August Winnig und der Kniefall Willy Brandts
von Roland Wehl  
 

Die Welt ist nicht so kompliziert, wie sie aussieht. Immer wieder begegnen wir Menschen, die das Gegenteil beweisen. Der Frankfurter Immobilienspekulant Bernd Lunkewitz ist dafür ein Beispiel.

Der Mann, der sich gerne zu seinen marxistischen Einsichten bekennt, kaufte vor drei Jahren den Berliner Aufbau-Verlag auf und kündigte ein Sanierungsprogramm an. Zusätzlich erwarb er eine Anteilsmehrheit an der Zeitschrift Die Weltbühne, die einst von Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Siegfried Jacobsohn gegründet worden war.

Aus der Ankündigung wurde eine Kündigungswelle: der Geschäftsführer und andere Mitarbeiter des Aufbau-Verlages wurden gefeuert, Die Weltbühne wurde eingestellt. Danach begann der Krieg des Bernd Lunkewitz mit westdeutschen Buchverlagen um die Titelrechte. Zum Verlierer in diesem Streit wurde schließlich die Treuhand, die zugunsten des Aufbau-Verlages und seines neuen Eigentümers einen Millionenbetrag lockermachte.

Der Mann weiß, was er will und wie er seine Ziele durchsetzen kann. Schon in jungen Jahren zeigte sich sein überdurchschnittliches unternehmerisches Talent, wenn auch auf einem Gebiet mit wenig sozialer Anerkennung. Die These 'Eigentum ist Diebstahl' veranlaßte den jungen Bernd Lunkewitz zu dem Schluß, daß aus Diebstahl Eigentum werden könne. Als binational tätiger Einbrecher wurde er schließlich gefaßt. Zur Last gelegt wurden ihm 50 Einbrüche in Frankreich und Deutschland.

Auch als Häftling bewies er Köpfchen. Der Serieneinbrecher wurde zum Serienausbrecher: Als erstes gelang ihm die Flucht über die Gefängnismauer. Seine zweite Flucht machte Justizgeschichte: Während eines Gefangenentransportes zwängte er sich durch das schmale Fenster der 'Grünen Minna' und sprang aus dem Fahrzeug. Die Polizei rüstete anschließend sämtliche 'Grünen Minnas' mit einer zusätzlichen Querstrebe aus: im Fachjargon 'Lunkewitzleiste' genannt.

Über die polizeiliche Fachwelt hinaus wurde er 1969 durch eine Armverletzung berühmt, die vermutlich mitentscheidend war für das schlechte Abschneiden der NPD bei den kurz danach stattgefundenen Bundestagswahlen.

Bernd Lunkewitz gehörte zu jener Zeit der KPD/ML an. Gemeinsam mit anderen wollte er den kriegsversehrten Adolf von Thadden am Rande einer Wahlveranstaltung angreifen. Über das, was danach passierte, gibt es widersprüchliche Versionen. Bernd Lunkewitz jedenfalls behauptete, ein Leibwächter von Thadddens hätte ihn angeschossen. Mit der Rolle als Opfer wurde er weltberühmt. Die gesamte Auslandspresse veröffentlichte sein Bild.

Der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß sagte später, daß sich die Öffentlichkeit noch wundern werde, wenn sie die Wahrheit über die Schüsse erfahren würde. Bernd Lunkewitz hat niemals Schadenersatzansprüche gestellt. Statt dessen begann seine Bilderbuchkarriere. Ob Strauß recht hatte? (ams gruppe)

 
© Roland Wehl aus: Junge Freiheit, 21.04.1995

 
Roland Wehl

 
In Magdeburg hat sich eine Bürgerinitiative für einen "Gedenktag 20.Juli" zusammengeschlossen. Ein daran beteiligter Bundeswehroffizier nannte als Ziel, "junge Leute zu beherztem Handeln" zu motivieren, indem der in der DDR vernachlässigte Widerstand des Militärs und der Adligen verstärkt ins Gedächtnis gerufen werde. Wertvoll ist die Initiative allerdings vor allem auch wegen des zunehmenden Verschwindens des historischen 20. Juli aus dem kollektiven Gedächtnis des wiedervereinigten Deutschlands. Die offizielle Geschichtsschreibung der DDR, deren negativer Einfluß jetzt in Magdeburg gerade wieder zu Recht beklagt worden ist, hatte mit ihrer Polemik gegen den "Interessenputsch der Junker, Monopolisten und Reaktionäre" vorweggenommen, was im Westen ab Mitte der sechziger Jahre vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen in die Deutungen der Historiographen des Widerstandes einfloß: Die Vorstellungen der verschiedenen Widerstandsgruppen für die Zeit nach dem Putsch wurden vom Blickwinkel des bundesrepublikanischen Parlamentarismus aus durchleuchtet und dann in "reaktionär" oder "progressiv" geschieden (so beispielsweise bei Hans Mommsen: "Gesellschaftsbild und Verfassungspläne des deutschen Widerstandes", 1966). Parallel zur Herabsetzung des militärischen Widerstands verbreitete sich die ebenfalls aus dem offiziösen Ritus der DDR übernommene Deutung des 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung vom Faschismus". Auf eine gewisse Weise mag hier ein Konnex vorliegen, und zwar innerhalb einer vulgär-säkularisierten Form der lutherischen Rechtfertigungslehre: Die Deutschen – durch eigene Schuld unter dem hitleristischen Joch – konnten, ja durften nur von außen, durch die Alliierten befreit werden. Die Versuche der Verschwörer, die Ehre der Nation durch eigenes Handeln, eigenes Opfer wiederherzustellen, müssen in dieser Sicht wie die bekämpfte "Werkgerechtigkeit" erscheinen, die dem "Allein-aus-Gnade" entgegensteht: Nur die jenseitige Instanz – hier also die Siegermächte – kann Vergebung erteilen. Aus dieser Sichtweise kommt jeder Versuch, die totale Niederlage abzuwenden, einem Verrat am Sinn und Ziel der Geschichte, der "Vorsehung" mit umgekehrten Vorzeichen also, gleich; von hier aus kann nur verworfen werden, was Henning von Tresckow nach dem gescheiterten Putsch erhoffte: "Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unsretwillen nicht vernichten wird." Die Entschlossenheit des Patrioten schmeckt den heutigen Antifaschisten nicht, denn für ihr Weltbild benötigen sie das Finis Germaniae, damit allein der Hinweis auf jene zwölf Jahre genügt, um jedwede deutsche oder preußische Tugend als diskreditiert abzutun. Sie lehnen sich an das Diktum Hitlers an, der bereits 1939 fast wie in einer Vorahnung über die Maximen der gegen ihn aufbegehrenden Frondeure meinte: "Leute, die von Patriotismus nicht bloß reden, sondern ihn zum einzigen Motiv ihres Handelns machen, sind suspekt." Was in der Tat für viele heutzutage verwirrend erscheint, ist der Mangel an jeglichem Utilitarismus in der Motivation der Verschwörer. So stellt der Historiker und Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann fest: "Nutznießer konnte nur das überlebende deutsche Volk sein, auch in einer noch nicht konzipierbaren Weise das ’Reich‘." Sträubt man sich gegen die antifaschistischen Umdeutungen, wertet man den 8. Mai 1945 als Tag der (nicht nur militärischen) Niederlage, so erschließt sich gerade darin der Sinn eines feierlichen nationalen Gedenkens an den 20. Juli 1944. In der Rede "Was ist eine Nation?", gehalten 1882 in Paris, erläuterte Ernest Renan seine These vom "täglichen Plebiszit", welches das Dasein der Nation bestimme. Dem "gemeinsamen Wollen in der Gegenwart" liege auch ein "gemeinschaftliches Erbe von Ruhm und von Reue" zugrunde. "Die nationalen Erinnerungen und die Trauer wiegen mehr als Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen." Genau hier liegt aber die Crux, die das offizielle Gedenken an den 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik bereits bestimmt hat, als es noch verbreiteter war. Während des Verneigens vor den Opfern wurde zunehmend einerseits die Tat, also der Versuch, Hitler gewaltsam zu beseitigen, andererseits die Gewissensentscheidung zu der Tat gewürdigt. Fortgelassen wurden die politischen Ziele, die man nur schwerlich mit dem Status Quo der Nachkriegszeit in Einklang hätte bringen können. Unverhohlen fördert dies ein Vortrag Richard von Weizsäckers zutage, den er 1964 in Ost-Berlin hielt: "Was vom 20. Juli 1944 fortwirkt, sind nicht historische Zusammenhänge oder politische Berechnungen bei den Verschwörern, sondern ihr Charakter, ihr Gewissen und ihre Tat." Ja, peinlich berührt hätte man in Ost und West schweigen müssen, wären einige Absätze aus dem Entwurf der Regierungserklärung von Goerdeler und Beck zum Fortwirken ausgerufen worden: "Eine endgültige Verfassung kann erst nach Beendigung des Krieges mit Zustimmung des Volkes festgesetzt werden. Denn die Frontsoldaten haben einen Anspruch darauf, hierbei mit besonderem Gewicht mitzuwirken." Oder: "Wir wollen keine Spaltung unseres Volkes. Wir wissen, daß viele aus Idealismus, in Verbitterung über das Diktat von Versailles und seine Auswirkungen, über manche nationale Unwürde in die Reihe der Partei eingetreten sind, andere unter einem äußersten Zwang wirtschaftlicher oder sonstiger Druckmittel ... die einzige Scheidung, die zu vollziehen ist, ist die zwischen Verbrechen und Gewissenlosigkeit auf der einen, zwischen Anstand und Sauberkeit auf der anderen Seite ... Nur wenn wir einig bleiben, allerdings auf der Grundlage von Recht und Anstand, können wir den Schicksalskampf, vor den Gott unser Volk zwingt, bestehen." Die Eile, zu der der schwerverwundete Graf Stauffenberg in der Rastenburger Führerbaracke getrieben wurde, bewirkte das Fehlen eines knappen Kilogramms Sprengstoff: die Menge, deren Fehlen für das Mißlingen des Staatsstreiches Hauptursache war. Dies erhebt den 20. Juli 1944 zum tragischem Datum, das Scheitern kratzt kein Jota vom Heldentum der Täter. Für das Erinnern der Nation, die selbst-bewußt sein muß, ist er ein aktives Datum, wertvoller als das dröge repetierte "Nie wieder!", das turnusgemäß am 27. Januar oder 8. Mai erschallt. Der das Attentat, das ihm galt, überlebt hatte, äußerte wenig später: "Ich habe schon oft bitter bereut, mein Offizierkorps nicht so gesäubert zu haben, wie Stalin es tat. Aber ich muß und werde das nachholen." Es hieße, ihm zum unverdienten Erfolg zu verhelfen, holte man den bedeutendsten Widerstand nicht in die "historische Erziehung der Nation" (Peter Hoffmann) zurück.
 
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